Wie schmeckt das Morgen?

Zwischen wachsender Weltbevölkerung und Nachhaltigkeitssehnsucht arbeiten Pioniere an der Nahrung der Zukunft. Das Ziel: ein Anbau mit modernster Technologie, der den Welthunger stillt und trotzdem keine Massenware ist.

Wie schmeckt das Morgen

In der volldigitalisierten Farm am MIT wachsen Gemüse und Salat unter optimalen Bedingungen – und ohne Erde.

Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) kennt man sich aus in der digitalen Welt. Doch neben Supercomputern ist eines der spannendsten Projekte der amerikanischen Elite-Uni ein Bauernhof, und Caleb Harper ist der Chef-Landwirt. Der junge Mann sieht nicht so aus, als würde er sich oft die Hände schmutzig machen. Man findet ihn eher auf Zukunftsmessen als auf dem Acker, statt an Bauernregeln glaubt er an Bits und Bytes. „Was wäre, wenn wir unser eigenes Klima erschaffen könnten?“, fragt Harper. „Wir hätten damit vollkommen neue Möglichkeiten, Nahrung zu erzeugen.“

Ihre Test-Beete nennen Harpers Mitarbeiter „Tree Computer“ oder „Food Server“. Jede Pflanze wird hier mit einer Vielzahl von Sensoren genauestens überwacht. „Wir können kontrollieren, wie sie schmeckt, wie sie riecht, wie schnell sie wächst, wie viel Wasser sie verbraucht – und das vollkommen unabhängig von der geografischen Lage.“ Caleb Harper und seine Kollegen regulieren Temperatur, Luftfeuchtigkeit, die Wellenlänge des eingesetzten Lichts sowie Kohlendioxid- und Sauerstoffkonzentration bis auf die Nachkommastelle exakt – von der Aussaat bis zur Ernte.

Keine Pestizide mehr

Die digitale Farm am MIT ist nur eine von vielen Ideen, die unseren Umgang mit Lebensmitteln in Frage stellen: Wie und vor allem was werden wir in Zukunft essen? Denn die Art und Weise, wie Menschen heute ihre Nahrung erzeugen, ist vor allem eines: ineffizient. Schon jetzt lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten – bis zum Jahr 2050 werden es mehr als sechs Milliarden Menschen sein. Um den global wachsenden Hunger zu stillen, muss die landwirtschaftliche Produktivität laut Welternährungsorganisation in Zukunft um 50 Prozent gesteigert werden.

Lila leuchtende LEDs statt Sonnenlicht, mit Nährlösung beträufelte Steinwolle statt Mutterboden – in einer Stadtfarm kommt nicht viel Öko-Romantik auf. Dafür bedarf es wegen der kontrollierten Atmosphäre auch keiner Pestizide. Aus Harpers Labor ist die Techno-Farm schon längst in deutschen Städten angekommen. In Hamburg betreibt der Vapiano-Mitgründer Mark Korzilius einen dieser Bauernhöfe. Statt italienischen Lifestyles vertreibt Korzilius nun selbstgezogene Kräuter. In Berlin dagegen hat das Agrar-Start-up ECF Farmsystems zwischen Ringautobahn und Fast-Food-Restaurants eine Aquaponik-Anlage aufgebaut – hier wird der Gemüseanbau in einem hocheffizienten Kreislauf mit Fischzucht kombiniert. Die Ausscheidungen der Tiere dienen als Dünger für die Pflanzen. Auf den Teller kommt beides, für den uneingeweihten Gaumen ist die Tomate aus der Gemüsefabrik kaum von Bio-Produkten zu unterscheiden.

Grünes Gold

Isabel von Molitor, Gründerin von Farmers Cut, mit dem Ergebnis ihrer Geschäftsidee.

„Im Grunde importiert man Wasser aus Marokko“, fasst Nicolas Leschke, einer der ECF-Gründer, die komplizierte Logistik der globalisierten Agrarindustrie zusammen, bei der Gemüse in wasserarmen Regionen wie Marokko angebaut und dann über Tausende Kilometer hinweg zum Endkonsumenten transportiert wird. Warum Gemüse in Spanien oder Marokko ernten, wenn es auch in Berlin oder Hamburg geht? Ihre Produkte liefern beide Betriebe sowohl an angesagte Restaurants als auch an den Supermarkt von nebenan.

Vertical Farms produzieren lokal

Auch in anderen Städten wird fleißig angebaut, egal, ob auf Hausdächern in New York oder in einem ehemaligen Luftschutzbunker 30 Meter tief im Londoner Untergrund. Noch wird dort in einem Maßstab produziert, der den Welthunger nicht mal ansatzweise stillen kann. Auf ein paar Dutzend Tonnen Ertrag im Jahr bringt es etwa die Anlage in Berlin. Deshalb sollen die Stadtfarmen, auf vielen Etagen gestapelt, in die Höhe wachsen. So könnte auf einem Hektar einer sogenannten Vertical Farm zehnmal so viel Nahrung angebaut werden wie auf freiem Feld. Zudem verbraucht das Gemüse in einem geschlossenen Kreislauf bis zu 90 Prozent weniger Wasser und zwei Drittel weniger Dünger als in der herkömmlichen Landwirtschaft.

Nachhaltig und lokal produzierend – auch wenn sich die Vorgehensweise stark unterscheidet, haben die Fabrikfarmer ähnliche Ziele wie die Bio-Bewegung. Die ist mittlerweile zum Massentrend geworden. Allein in Deutschland werden jährlich knapp zehn Milliarden Euro mit Bio-Lebensmitteln umgesetzt. Kein Wunder, schließlich ist der Studie „Wie isst Deutschland 2030“ zufolge der Mehrheit der Bevölkerung vor allem eine „ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft“ wichtig. Einem Problem kann das Stadtfarming jedoch nicht beikommen – dem Fleisch auf unserem Teller.

„Nur die Fleischwende rettet uns.“

Godo Röben, Geschäftsführer Rügenwalder Mühle

Neben Energiesektor und Verkehr ist die konventionelle Fleischproduktion einer der globalen Klimakiller. Gigantische Wassermassen müssen aufgewendet und riesige Waldflächen gerodet werden, um Futtermittel für den Viehbestand zu erzeugen. Außerdem emittiert all das Vieh enorme Mengen der Klimagase CO2 und Methan. „Nur die Fleischwende rettet uns“, sagt deshalb ausgerechnet Godo Röben, Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers Rügenwalder Mühle.

Die fleischlose Revolution

Traditionelle Fleischerzeuger arbeiten ebenso wie Lebensmittel-Start-ups mit bezeichnenden Namen wie Beyond Meat oder Finless Foods an Omelettes ohne Ei, Hamburgern ohne Rind und Sushi ohne Thunfisch. Die fleischlose Revolution hat Millionen Dollar an Risikokapital im Rücken. Lebensmittelkonzerne wie Oetker oder Nestlé gründen Start-up-Schmieden, Bill Gates oder Google-Mitgründer Sergey Brin zählen zu den Investoren. Vegetarische, ja gar vegane Ernährung erhält auf einmal ein bisschen Silicon-Valley-Glamour.

Nah am Alltag, weil bereits in den Kühlregalen jedes Supermarkts erhältlich, sind Fleischersatzprodukte aus Soja oder den eiweißreichen Samen der Lupine. Am Ende der Entwicklung steht der sogenannte In-vitro-Burger aus in Bio-Reaktoren gezüchteten Stammzellkulturen. Noch ist dessen Herstellung zu teuer, um für eine Massenproduktion interessant zu sein. Sicher ist, dass sich nicht nur die Zutaten unseres Essens ändern werden, sondern auch dessen Zubereitung.

„Was kann man sich für proteinreiche, köstliche, außergewöhnliche Gerichte ausmalen?“, fragt Koert van Mensvoort, Direktor des niederländischen Technik-Think-Tanks Next Nature Network. Vorsorglich hat er schon mal ein eigenes In-vitro-Kochbuch verfasst. Darin finden sich ein paar Dutzend spekulative Rezepte: gestricktes Steak, 3D-gedruckte Knochenmarkeier oder Fleisch-Eiscreme. Die Zukunft, das ist sich van Mensvoort sicher, schmeckt köstlich.