Salongespräch

Salongespräch im Bayerischen Hof

Roland Berger, Stefan Schmortte, Ingo Wilhelm und Prinz Luitpold (von links im Uhrzeigersinn)

Prinz Luitpold, Sie sind der Unternehmer im Hause Wittelsbach …

Prinz Luitpold: ... nur ein sehr kleiner Unternehmer ... aber immerhin Chef der Porzellanmanufaktur Nymphenburg und Inhaber der König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg. Wie sehen Sie das? Hat in Deutschland heute jeder die gleichen Chancen?

Prinz Luitpold: Unter Juristen wird der Gleichheitssatz so beschrieben: Jeder ist in seiner Ungleichheit gleich. Ich will damit sagen: Eigentlich hat jeder große Chancen, heute vielleicht sogar mehr als jemals zuvor. Aber es ist nun mal so, dass nicht jeder Mensch die gleichen Talente besitzt.

Roland Berger: Und leider auch nicht die gleichen Chancen. Jede OECD- und jede Pisa-Studie bestätigen uns, dass in keinem Land der Welt die Zukunft von Kindern so stark durch ihre soziale Herkunft bestimmt wird wie hier in Deutschland. In meiner Stiftung fördern wir deshalb begabte und leistungswillige Kinder, die aufgrund ihres Elternhauses benachteiligt sind.

Diese Kinder leiden oft sehr unter den schwierigen Verhältnissen. Wenn ein solches Kind es dann trotzdem schafft, ist das großartig. Diese Kinder fühlen sich zum ersten Mal richtig ernst genommen, wenn die Stiftung sie entsprechend fördert. Wir haben deutschlandweit derzeit rund 700 Stipendiaten. 300 haben schon ihr Abitur gemacht, und zwar mit einer Durchschnittsnote von 1,6. Ich glaube, der deutsche Mittelwert lag voriges Jahr bei 2,6.

Weil Ihnen, Prinz Luitpold, das Ansehen quasi in die Wiege gelegt wurde, an Sie die umgekehrte Frage: Haben Sie Ihre soziale Herkunft manchmal auch als Bürde empfunden?

Prinz Luitpold: Sehr häufig sogar. Wenn Sie mit meinem Namen während der Studentenunruhen an einen kommunistischen Lehrer gerieten, so einen Typus mit grünem Pullover und rotem Schal, war die Königliche Hoheit nicht mehr so großartig. Oder an der Grenze zur DDR. Da schaut der Grenzer Ihren Pass ganz genau an und sagt: Fahren Sie mal an die Seite. Ich stand ständig auf der Seite. Stundenlang. Damit muss man leben, und ich will mich auch nicht beschweren. So ein Name wirkt nun mal in beide Richtungen: Hochachtung und Verachtung.

Roland Berger: Das habe ich auch erlebt, später, als mein Name dann bekannt war. Für manche wird man damit zum Unmenschen.

Prinz Luitpold: In meiner Familie galt deshalb immer der Grundsatz: Begegnet den Leuten nett und anständig, nie mit Dünkel. Das Gefühl, etwas Besseres zu sein, hat es nie gegeben. Familientradition heißt bei uns: Wir haben dem Volk zu dienen, nicht umgekehrt.

Es heißt, Adel verpflichtet. Ist das heute nur noch Floskel?

Prinz Luitpold: Nein, das ist mehr als eine Floskel. Und ich glaube auch, darin unterscheidet sich wahrer von adoptiertem Adel. Von den Leuten, die sich schlecht aufführen. Adel definiert eine Tradition, sozusagen eine Verpflichtung und auch eine starke emotionale Bindung zu einem Land oder einer Region. Ein gewisses Maß an Bescheidenheit ist das Allerwichtigste dabei.

Nicht nur Adel verpflichtet, sondern auch Unternehmertum. Wozu eigentlich?

Roland Berger: Der Unternehmer hat zunächst die Aufgabe, gute Produkte oder Dienstleistungen zu bestmöglichen Konditionen anzubieten und ein profitables Unternehmen zu führen. Ein Unternehmer schafft Wohlstand für die Gesellschaft, indem er Arbeitsplätze schafft. Er muss dafür sorgen, dass seine Kapitalgeber ordentlich entlohnt werden, sonst findet er nämlich keine mehr. Er muss sich zudem an unser Wertesystem halten: anständig bleiben, integer und loyal gegenüber Mitarbeitern, Geschäftspartnern und anderen Stakeholdern.

Dieses Bild hat zuletzt mächtig gelitten. Stichwort Finanzkrise, Dieselskandal und so fort. Was ist mit unseren Eliten los?

Prinz Luitpold: Diese Skandale sind sehr beklagenswert. Aber sie stehen nicht für unsere Wirtschaft als solche. Wir haben in Deutschland mit der sozialen Marktwirtschaft einen Markstein für die Welt gelegt, für den es bis heute keine englische Übersetzung gibt. Das ist eine urdeutsche Errungenschaft. Der Gedanke der sozialen Marktwirtschaft, der die Verantwortung für andere Menschen impliziert, prägt das deutsche Unternehmertum, vor allem Familienunternehmen.

Sie stehen für 75 Prozent der Arbeitsplätze im Land und denken nicht in Kategorien von Shareholder Value und kurzfristigem Gewinn. Wenn ein solches Unternehmen in eine Schieflage gerät und bei der Bank um Kredit nachfragt, verpfändet der Firmenchef auch sein Haus. Wehe, wenn diese Mittelstandsunternehmen wegen einer falschen Erbschaftsbesteuerung von Firmenvermögen in die Hände von Hedgefonds-Managern geraten. Dann gelten schnell andere Regeln, zum Nachteil der Arbeitnehmer.

Roland Berger: Es war grundsätzlich dumm zu glauben, man könne den amerikanischen Staat betrügen. Nun ging der Skandal ausgerechnet von einem Unternehmen aus, an dem das Land Niedersachsen 20 Prozent der Stimmrechte mit vielen Sonderrechten hält. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisung. Aber die größten Gefahren für Anstandsverstöße bis hin zur Korruption gehen oft von Organisationen aus, die an der Grenze von staatlichen Wohltaten und privater Leistungsfähigkeit wirtschaften.