Höchste Zeit

Umweltverschmutzung und Klimawandel bedrohen unsere Lebensgrundlage. Die Welt sucht nach Lösungen. Und das Ifat-Netzwerk präsentiert sie. Projektgruppenleiter Christian Rocke gibt einen Einblick in die boomende Branche der Umwelttechnologien.

„Umweltschutz ist eine globale Aufgabe“ – Projektgruppenleiter Christian Rocke erklärt, wie Umwelttechnologien dabei helfen können.

Selten sagt ein Blatt Papier viel über einen Menschen aus. Doch bei Christian Rocke passt es irgendwie. Auf dem Whiteboard hinter seinem Schreibtisch hängt unter anderem eine Notiz, darauf nur ein Satz: „Do shit that matters.“ Diese Erinnerung, etwas Bedeutungsvolles zu tun, braucht der 41-Jährige eigentlich gar nicht. Denn Umweltschutz ist für Christian Rocke eine Herzensangelegenheit. Und das merkt man schon bei der Begrüßung: „Sind Sie mit dem Auto hergekommen?“ Nein, mit der U-Bahn. „Sehr gut, Test bestanden“.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind auch Christian Rockes erste Wahl. Mit dem Auto fährt er nur selten. „Seitdem ich in dieser Position für die Ifat bin, hat sich mein Umweltbewusstsein ganz klar verändert“, sagt er. Seit 2015 ist er Projektgruppenleiter der Weltleitmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft. Rockes Laufbahn bei der Messe München begann aber schon im Jahr 2006. Damals war er im Vertrieb verantwortlich für die Messe Automatica. Nach vier Jahren wechselte er dann in die Projektleitung der Productronica.

Bedarf an Umwelttechnologien gibt es überall. Christian Rocke, Projektgruppenleiter IFAT

In Christian Rockes heutiges Portfolio fallen alle Ifat-Veranstaltungen rund um den Globus: die Weltleitmesse in München und die Auslandsschauen in China, Indien, Südafrika und der Türkei. Besonders in China und Indien ist die Nachfrage nach Umwelttechnologien stark gestiegen – das Potenzial ist enorm. Die Messe in Shanghai ist somit nach der Ifat in München die zweitgrößte im Cluster. Aufgrund der internationalen Bekanntheit der Ifat erhält Rocke zahlreiche Anfragen für weitere Standorte. „Theoretisch könnten wir die Messe in jedes Land bringen“, sagt er. „Bedarf gibt es überall. Und wir haben großes Interesse daran, das Thema weiter in die Welt zu tragen“. Besonders spannend seien gerade Märkte wie Südamerika oder Russland.

Christian Rocke, © Dirk Bruniecki
© Dirk Bruniecki

„Umweltschutz ist eine globale Aufgabe“ – Projektgruppenleiter Christian Rocke erklärt, wie Umwelttechnologien dabei helfen können.

Vor 50 Jahren war der Ifat-Radius viel kleiner. Als die Messe auf den Markt kam, war sie eher eine Veranstaltung für Kommunen. Vertreter von Städten und Gemeinden konnten hier die Technologien für Müllentsorgung und Kläranlagen kennenlernen. Das hat sich geändert. „Inzwischen kommen immer mehr Industrien auf die Ifat“, sagt Christian Rocke. „Das zeigt, dass das Bewusstsein für das Thema gewachsen ist.“ Indem sie Umwelttechnologien nutzen, leisten die produzierenden Unternehmen einen wichtigen ökologischen und gesellschaftlichen Beitrag. Davon profitieren auch sie selbst, weil sie aufgrund des geringeren Ressourcenverbrauchs ihre Kosten senken können.

„Ich spreche gerade viel mit Vertretern der Vereinten Nationen und die bestätigen mir, dass wir den privaten Sektor, also die Anbieter von Umwelttechnologien, stärker in den öffentlichen Diskurs integrieren müssen“, sagt Christian Rocke. Hier kommt das internationale Ifat-Cluster ins Spiel. Denn es bringt nicht nur die notwendigen Technologien und Lösungen in die Länder. Die Ifat ist auch eine wichtige Plattform für den internationalen Austausch und Wissenstransfer. Gerade Letzterer ist entscheidend. Denn ohne die Kenntnis und ein gestärktes Umweltbewusstsein hilft auch die beste Technologie nichts.

Umweltschutz im Zusammenspiel von Mensch und Technologie

Die Verantwortung für Ressourcenverschwendung und zu viel Plastikmüll wird noch oft allein dem Verbraucher zugeschrieben. Er müsse bloß richtig einkaufen, konsumieren und entsorgen. Christian Rocke zufolge ist das nur die halbe Wahrheit: „Ich glaube, es geht nur im Zusammenspiel von Mensch und Technologie. Klar sollte jeder möglichst nachhaltig agieren. Dafür sind aber auch staatliche Strukturen, Steuerung und Anreize notwendig. Und das, was wir nicht schaffen, kann technologisch gelöst werden. Entsprechend muss in Umwelttechnologien investiert werden und diese müssen stetig weiterentwickelt werden“.

Und die sind längst in der Lage, viele unserer Probleme zu lösen. Zum Beispiel können Kläranlagen Spuren von Medikamenten oder Mikroplastik aus dem Abwasser filtern. Schon heute leisten Umwelttechnologien einen wichtigen Beitrag zur Rettung der Welt. Dass uns das gelingen kann, davon ist Christian Rocke überzeugt: „Wir müssen allerdings gemeinsam und vor allem schnell reagieren“.

Christian Rocke, © Dirk Bruniecki
© Dirk Bruniecki

Für Christian Rocke ist Umweltschutz ein Herzensthema. Deshalb achten er, seine Frau und der gemeinsame fünfjährige Sohn im Alltag auf ihren ökologischen Fußabdruck.

Ressourcen schonen mit Hilfe der Circle Economy

Aus Alt mach Neu: Im Sinne der Nachhaltigkeit braucht es zudem eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft. Diese Circle Economy wird ein wichtiger Schwerpunkt auf der Ifat 2020 sein. „Im Grunde reichen uns alle Ressourcen, die gerade im Umlauf sind“, sagt Christian Rocke. „Wir müssten der Erde gar nichts mehr entnehmen.“ Tatsächlich leben wir aber über unsere Verhältnisse, was den Verbrauch von Wasser, Land, Holz und sauberer Luft angeht. Um den weltweiten Bedarf für 2019 zu decken, wären laut Global Footprint Network 1,75 Erden erforderlich. Rohstoffe sollen deshalb nicht mehr linear aufgebraucht, sondern in einen Kreislauf aus Aufbereitung und Wiederverwertung überführt werden.

Das ist auch der Grund, warum niemand in der Branche noch von Müll spricht. Denn das, was wir täglich wegwerfen, ist in Wahrheit unsere wichtigste Rohstoffquelle. Das Ziel ist es, mit Hilfe von cleverem Verpackungsdesign und neuen Technologien die einzelnen Stoffe voneinander zu trennen und so aufzubereiten, dass sie in neuen Produkten wieder Anwendung finden. Dann könnte man Kunststoff so recyceln, dass er dieselbe Quali­tät erhält wie zuvor in seinem Ursprungszustand. Denn Kunststoff ist an sich kein schlechtes Material. Schlecht ist bloß die Idee, ihn nur ein einziges Mal zu verwenden.

Von Katarina Baric. Der Artikel erschien erstmalig im Messe München Magazin 02/2019.

ALLE FÜR EINEN

Die IFAT ist die Weltleitmesse für Wasser- ,Abwasser-, Abfall - und Rohstoffwirtschaft. In 2018 kamen mehr als 140.000 Besucher aus 162 Ländern und Regionen nach München. Nächste Messe in München: 30.Mai bis 3.Juni 2022.