Reich der Sonne

Geht es um die Energiewende, sprechen alle immer nur von der Stromerzeugung. Genauso wichtig aber ist, wie der Strom dorthin kommt, wo man ihn braucht. Ohne schlaue Netze, das Smart Grid, wird das Vorhaben nicht gelingen. In einem kleinen Dorf hat die Zukunft schon begonnen

Von Michael Moorstedt (Magazin der Messe München 02/2018)

Panoramafoto Wildpoldsried, © Siemens AG

Saubere Sache: Der kleine Ort Wildpolsried erzeugt acht Mal mehr Strom als er selbst verbraucht.
© Siemens AG

Wildpoldsried im Oberallgäu. Heimat von knapp 2.500 Menschen und noch mehr Kühen. Hier liegen saftige Weiden, die Heuernte wird gerade eingebracht. Nicht weit entfernt steht eine verwitterte Burgruine, und in der Ferne türmen sich schon die ersten Alpengipfel auf. Touristen verschlägt es jedoch nicht wegen der Idylle in die Provinz. „Jedes Jahr kommen über 100 Besuchergruppen aus der ganzen Welt zu uns, vor allem aus Afrika, Südamerika und Asien“, sagt Bürgermeister Arno Zengerle. „Die Menschen wollen sehen, was auf diesem Gebiet alles möglich ist.“ „Dieses Gebiet“, das bedeutet in Wildpoldsried Stromerzeugung. Der kleine Ort ist international bekannt als „Energiedorf“, produziert beinahe achtmal so viel erneuerbaren Strom, wie er selbst verbraucht, und heimst Nachhaltigkeitspreise in Serie ein. Man lebe vielleicht nicht im Silicon Valley, sagt man hier, aber immerhin im „Energy Valley“.

Zengerle ist dafür verantwortlich, dass aus einem strukturschwachen Ort in Bayerisch-Schwaben, zwei Stunden Autofahrt von München entfernt, innerhalb von knapp 20 Jahren ein Energiewende-Vorzeigeprojekt wurde. Hier ragen nicht nur die Zwiebeltürmchen der Kirchen in die Höhe – auf so gut wie jeder Scheune sind Solarzellen installiert, und auf einer Anhöhe, nicht weit vom Dorf entfernt, stehen elf mächtige Windräder, deren Flügel bei der schwachen Brise heute träge rotieren. Außerdem gibt es noch zwei kleine Wasserkraftwerke und vier Biogasanlagen.

Aus einem kleinen Dorf wurde ein Vorzeigeprojekt der Energiewende

Alles gut also? Energiewende gemeistert? Nicht ganz. Denn was dem CO2-Haushalt guttut, ist ein Alptraum für Netzbetreiber. Die Energie mag zwar sauber sein, sie ist aber auch abhängig von Sonne und Wind und deshalb unberechenbar. Die örtlichen Netze kommen wegen des vielen Öko-Stroms regelmäßig an ihre Grenzen, der Strom verpufft. Es braucht also nicht nur saubere Energie, sondern auch ein smartes Netz, das sogenannte Smart Grid. Der schlaue Strom wird von oberster Stelle gefordert. „Für eine erfolgreiche Energiewende brauchen wir moderne und gut ausgebaute Netze“, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier, als er eine Woche lang den Zustand der Leitungen im Land begutachtete. „Die Stromnetze sind dabei das Herz-Kreislauf-System unserer Stromversorgung. Diese muss vom Windrad in der Nordsee bis zur Ladesäule in Bayern zuverlässig funktionieren.“ Das ist leichter gesagt als getan. Vom Hochspannungsübertragungsnetz bis zur normalen Leitung, die in der Wohnung der Endverbraucher ankommt, laufen Stromkabel mit einer Länge von mehr als 1,8 Millionen Kilometern durch Deutschland. Diese gigantische Maschine fit für die Zukunft zu machen ist eine der wichtigsten Aufgaben, um die Energiewende zu meistern. Bis zum Jahr 2030 sind allein in Deutschland Investitionen in Höhe von 50 Milliarden Euro für den Netzausbau vorgesehen.

Auch in diesem Bereich ist das kleine Wildpoldsried Vorreiter. Hochschulen aus ganz Deutschland und Großkonzerne wie Siemens erproben hier neue Technologien. Das hiesige Energie-Start-up Sonnen produziert dagegen Eigenheim-Akkus, die überschüssigen Strom speichern und diesen in Zeiten von wenig Wind und Sonne, im Fachjargon Dunkelflaute genannt, wieder ins Netz abgeben. In der Branche ist die Firma Weltmarktführer. Giganten aus der alten Energiewelt wie Shell oder General Electric investieren Millionensummen, und von der Elite-Universität MIT wurde Sonnen zu einem der 50 innovativsten Unternehmen weltweit gekürt.

In Zukunft sollen Haushalte ihren selbst erzeugten Strom verkaufen können

Es ist ein strahlender Herbsttag. Auf den Dächern funkeln die Photovoltaik-Anlagen. Die hochmoderne Firmenzentrale von Sonnen fügt sich in die dörfliche Umgebung etwa so gut ein wie ein Ufo. Auf dem Gelände herrscht routinierte Betriebsamkeit, gerade wird wieder eine Containerladung Batterien rausgeschickt. In einem lichtdurchfluteten Konferenzraum sitzt Co-Geschäftsführer Jean-Baptiste Cornefert und erklärt das Konzept. „Die Zukunft der Energiewelt ist grün und dezentral.“

In der Gegenwart müssen sich Stromerzeuger und Netzbetreiber dagegen noch mit Phänomenen wie Lastverschiebungen und Angebotsspitzen auseinandersetzen. Zwar gibt es im Norden leistungsstarke Windparks, aber gleichzeitig auch wenig Energiebedarf. An Tagen mit starkem Wind kann die Leitung nicht die gesamte Energie aufnehmen. Der Netzbetreiber muss die Windräder abriegeln, und der saubere Strom aus dem Norden verpufft, während im Süden Großkraftwerke aufwendig hochgefahren werden, um die fehlende Leistung zu übernehmen.

In Fachkreisen nennt man das Redispatch, und man sieht Cornefert schon beim Aussprechen des Wortes an, dass er das Prinzip für reichlich unelegant hält. Deutschlandweit verursachte die energiewirtschaftliche Holzhammermethode allein im letzten Jahr Kosten in Höhe von einer Milliarde Euro.

Solarbatterien, © sonnenGmbH

Handarbeit: Gefertigt werden die Solarbatterien vor Ort. Mehr als eine Million Exemplare will man in den nächsten Jahren verkaufen.
© sonnenGmbH

Potential für Millionen Batterien

Das Unternehmen arbeitet deshalb an einer eigenen Gemeinschaft von Mikro-Stromerzeugern, die mit ihrer selbst produzierten Energie handeln können. „Statt einen 800-Megawatt-Kohleblock je nach Bedarf teuer runter- und wieder hochzufahren, könnten in Zukunft Tausende Haushalte ihren überschüssigen Strom ins Netz einspeisen oder von dort aufnehmen“, sagt Cornefert. Prosumer nennt er die Sonnen-Kunden. Ein Schachtelwort aus Produzent und Konsument. In einem Pilotprojekt mit dem Hochspannungsnetzbetreiber Tennet testet das Unternehmen schon heute, wie man die Versorgung auch bei schwankender Stromproduktion gewährleisten kann. Dank der eingesetzten Blockchain-Technologie lässt sich genau nachvollziehen, wer von wem wie viel Strom bezieht und wohin die eigene Energie geschickt wird.

Was kann Deutschland, was kann die Welt lernen von den Wildpoldsriedern? Kann im Großen gelingen, was im Kleinen schon funktioniert? Jetzt geht es darum, das System zu vergrößern, so Cornefert. Allein in Deutschland sieht er in den nächsten Jahren Potenzial für 1,4 Millionen Batterien. In Südaustralien rüstet Sonnen dagegen schon heute 40.000 Haushalte mit intelligenten Stromspeichern für Energie aus Solaranlagen aus. Die Akkus werden dann zu einem virtuellen 150-Megawatt-Kraftwerk zusammengeschlossen. Im US-Bundesstaat Arizona hilft man gleich beim Neubau einer ganzen Stadt. Eine Gemeinde der Zukunft, in der alle Bewohner ihre Energie selbst erzeugen und speichern.