Wie können sie es wagen?

Der eine setzt in seinem Beruf regelmäßig sein Geld aufs Spiel. Der andere riskiert bei waghalsigen Expeditionen Kopf und Kragen. Wir sprachen mit Investor Benedict Rodenstock und Kletterlegende Stefan Glowacz über Risiko

Nur wer etwas wagt, kann auch gewinnen. Investor Benedict Rodenstock und Kletterpionier Stefan Glowacz können das aus eigener Erfahrung bestätigen.

MM | Herr Glowacz, die oscarprämierte Dokumentation „Free Solo“ hat viele Besucher in die Kinos gelockt. Was empfinden Sie, wenn Sie solche Bilder sehen?

Glowacz | Unverständnis mittlerweile. Ich bin ja früher auch ohne Seil geklettert. Aber ich denke mir rückblickend, dass Arroganz und Überheblichkeit ein Privileg der Jugend waren. Das macht man in der Sturm-und-Drang-Zeit. Wenn man sich unsterblich fühlt, nicht weiter darüber nachdenkt, was die Konsequenzen sein könnten. Man ist ungebunden. Man ist frei. Ich muss auch ehrlich sagen, diese Solokletterei ist natürlich die purste Form des Kletterns. Sie bringt dich in einen Zustand, den du vielleicht nur durch Meditation erreichen kannst. Das ist ein tiefes Zusammenspiel zwischen Körper und Geist.

MM | Klingt doch faszinierend.

Glowacz | Das ist es auch. Wenn du nur an zwei kleinen Griffen hängst, zwischen deinen Füßen durchschaust und dort gähnende Leere siehst. Du hast in dem Moment das Gefühl, dass du den Tod unter Kontrolle hast. Dass du entscheidest, was für dich sicher ist. Ohne zu wissen, ob der nächste Griff ausbrechen kann. Diese Sichtweise wurde mir schließlich zum Verhängnis. Bei einer Trainingstour habe ich auf etwa acht, neun Metern Höhe den Halt verloren und bin auf den Boden zurückgestürzt. Dabei habe ich mich schwer verletzt. Meine Karriere als Solokletterer war damit vorbei. Das war ein wichtiger Schuss vor den Bug. Wenn ich den nicht gehabt hätte, hätte ich weitergemacht und wäre irgendwann richtig tief gefallen und nicht mehr aufgestanden.

MM | Um diese Gefahr weiß auch jeder in der Szene, oder?

Glowacz | Das weiß eigentlich jeder: Je öfter man es macht, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum letzten Mal passiert.

Stefan Glowacz, © Robert Brembeck

Stefan Glowacz, 54, gilt als Vorreiter der deutschen Kletterszene. Heute unternimmt er nachhaltige, CO2-freie Expeditionen. Zuletzt durchquerte er Grönland, wohin er mit Elektrofahrzeugen und einem Segelschiff reiste.

Foto: Robert Brembeck

MM | Heute unternehmen Sie vor allem Expeditionen, zuletzt zum Beispiel nach Grönland. Sie suchen neue Grenzen, Ihre eigenen, aber auch die der Zivilisation. Inwiefern ist das riskanter als eine Klettertour?

Glowacz | Wir suchen ja nicht das Risiko in dem Sinne. Die Faszination bei solchen Unternehmungen besteht darin, das Risiko zu erkennen und schon in der Planungsphase weitestgehend auszuschalten. Damit gehen wir ganz anders vor als Shackleton und Amundsen, die damals wirklich ins Ungewisse aufgebrochen sind. Die Welt ist heute mehr oder weniger erschlossen. Und mit Google Earth kann man sich in jede Region dieser Erde zoomen. Wie es dann tatsächlich vor Ort ist, ist eine andere Geschichte.

MM | Wie sieht das bei Ihnen aus, Herr Rodenstock? Könnten Sie sich so eine Expedition vorstellen? Sie machen ja selbst auch Skitouren, gehen klettern und bergsteigen. Wo sind da Ihre persönlichen Grenzen?

Rodenstock | Ich habe in der Vergangenheit auch schon einige interessante Touren unternommen. Zum Beispiel die Haute Route, die gilt als die Königin der Skitouren in den Westalpen. Dabei bewegt man sich zehn Tage lang zwischen 2.000 und 4.000 Metern Höhe und geht etwa acht bis zehn Stunden am Tag. Wer die nächste Hütte nicht erreicht, muss sich eine Schneehöhle graben, weil es sonst keine Möglichkeit gibt, irgendwo unterzukommen. Deshalb ist es wichtig, fit zu sein. Und man muss Selbstvertrauen haben.

Benedict Rodenstock, © Robert Brembeck

Benedict Rodenstock, 48, ist Urenkel des Brillenunternehmers Josef Rodenstock. 2006 gründete er den Risikokapitalgeber Astutia. Erfolgreiche Exits waren etwa Amorelie und Fashionette.

Foto: Robert Brembeck

MM | Und da waren Sie sich immer sicher, in jeder Situation? Bei der Haute Route sind zuletzt ja wieder Menschen tödlich verunglückt.

Rodenstock | Man legt weite Strecken zurück. Insgesamt geht man 200 Kilometer, und es geht lange relativ flach über den Gletscher. Kompliziert wird es immer dann, wenn es von einem Tal ins nächste geht. Da muss man meistens über einen Pass, und das sind in der Regel eher steile Passagen. Das bringt einen schon relativ schnell an die Grenzen. Es gibt eine Schlüsselstelle auf der Haute Route, bei der man sich ungefähr 50 Meter abseilen muss. Da habe ich bestimmt das Adrenalin für den Tag ausgeschüttet.

MM | Das Risiko haben Sie also bewusst gesucht?

Rodenstock | Ich glaube, das ist immer so beim Bergsport, der Nervenkitzel gehört dazu. Und man will sich natürlich auch steigern. Darüber hinaus gibt es im Alpinismus immer ein Restrisiko. Also die alpinen Risiken: Schlechtwetter, Nebel, in dem man sich verläuft, Lawinen oder Bergstürze. Das kann man als Einzelner nicht beeinflussen. Deswegen mache ich heute weniger Skitouren. Das ist unter anderem ein Tribut an die Familie. Zudem habe ich nicht mehr so viel Zeit. Und im Beruf habe ich nun auch genug Kribbeln. Es ist für mich okay, wenn ich einfach ganz normal Ski fahre.

Ich begebe mich bewusst in eine Situation, in der ich spüre, dass ich eigentlich nur ein Spielball der Natur bin. Stefan Glowacz

MM | Ist das für Sie eher eine kontemplative Erfahrung mit der Schönheit der Berge oder suchen Sie konkret Adrenalin?

Glowacz | Es geht natürlich auch darum, im Einklang mit der Natur zu sein. Deswegen geht man ja zum Bergsteigen. Sonst könnte man ja auch einen Hallensport machen. Es geht darum, die Schönheit der Natur zu erfahren, ihre Ursprünglichkeit und auch Gewalt. Ich begebe mich bewusst in eine Situation, in der ich spüre, dass ich eigentlich nur ein Spielball der Natur bin.

Rodenstock | Das sehe ich auch so. Es geht um die Wildheit der Natur. Und andererseits um die eigene Bescheidenheit. Weil man merkt, dass man einfach klein ist in dieser Umgebung.

MM | Glauben Sie denn, dass es ein menschliches Bedürfnis nach Risiko gibt?

Rodenstock | Ich glaube, es ist inhärent in der Welt, dass es auch Gefahren gibt. Das war schon immer so.

Glowacz | Ich denke, das ist einfach Typsache. Es gibt viele Menschen, die sich erst spüren, wenn sie sich gewissen Gefahren aussetzen. Dann leben sie intensiver, oder sie glauben das zumindest. Letztlich ist das sicherlich einer der Beweggründe für mich, immer wieder auszubrechen aus der Gesellschaft. Nicht, dass ich die Gesellschaft nicht ertragen kann. Aber ich genieße es, mich ab und zu auf das absolut Notwendige zu reduzieren. Das zeigt mir erst, in welchem Wohlstand und sicheren Umfeld wir uns bewegen. Vor allem möchte ich die Erkenntnis nicht missen, wie wenig der Mensch braucht, um glücklich zu sein. Und das sind bei einer Expedition ein sicherer Lagerplatz, eine warme Mahlzeit am Abend und ein trockener Schlafsack. Damit ist man dann der glücklichste Mensch der Welt.

Benedict Rodenstock und Stefan Glowacz, © Robert Brembeck

Investor Benedict Rodenstock und Kletterpionier Stefan Glowacz sind sich einig: Ohne Risiko kein Erfolg.

Foto: Robert Brembeck

MM | Sie sagten mal, dass Neugierde ein sehr großer Antrieb sei. Ist das eine körperliche Neugierde, sich und die eigenen Grenzen zu erspüren?

Glowacz | Es ist ein Riesenunterschied zwischen dem Konsum von Abenteuern, die andere gemacht haben, und dem Gefühl, sie selbst zu erspüren, sich zu erarbeiten, sie selbst zu erleiden. Das ist als Unternehmer wahrscheinlich das Gleiche, oder?

Rodenstock | Ich kriege auch nichts geschenkt. Das ist oft auch ein langer Weg, bergauf sozusagen.

MM | Ist das etwas Infantiles, Risiken einzugehen? Oder doch eher eine Sehnsucht von Erwachsenen? Kinder gehen Risiken ja eigentlich nicht bewusst ein.

Rodenstock | Ich glaube, Kinder kennen den Begriff des Risikos noch nicht so in dem Sinne. Und sie wissen vielleicht auch nicht, wie gefährlich manche Sachen sind. Dafür sind wir Eltern ja da. Indem wir sie davor warnen, eine heiße Herdplatte anzufassen oder von einem Stuhl zu fallen, versuchen wir, sie zu beschützen. Manche Erfahrungen müssen Kinder aber auch selber machen.

Glowacz | Absolut. Manchmal sehe ich junge Eltern, die wie Helikopter über ihren Kindern kreisen, versuchen, jedes Risiko von ihnen fernzuhalten. Ich denke, das ist der falsche Ansatz. Kinder müssen ihren Freiraum haben.

Unternehmer müssen auch mal verrückt sein

MM | Ökonomisch gesehen, ist Risiko eigentlich ein Muss. Ohne gäbe es keine Innovationen, kein Wachstum. Herr Glowacz, Sie haben mit Red Chili eine Klettermarke aufgebaut. Ist es leichter, Geld zu riskieren als sein Leben?

Glowacz | Beides kann fahrlässig sein. Als wir Red Chili gegründet haben, wussten wir aber schon relativ genau, was wir tun. Wir kannten die Materie in- und auswendig, und der Markt für Kletterschuhe war überschaubar. Wir waren erfolgreich – bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir es nicht mehr selbst finanzieren konnten, weil wir so schnell so erfolgreich geworden sind. Aber ich muss ehrlich sagen: Es spricht immer genauso viel dagegen wie dafür, ein Unternehmen zu gründen. Und ich denke, wenn man BWL studiert hat, findet man sogar mehr Gründe, die dagegen sprechen. Als Gründer braucht man also eine gewisse Naivität, um den Mut zu fassen und zu sagen: Jetzt machen wir’s!

MM | Sehen Sie das auch so, Herr Rodenstock?

Rodenstock | Ja. Wobei, das ist auch immer leichter gesagt als getan. Manchmal muss man eben Entscheidungen treffen und gewisse Schritte gehen. Ich glaube, dass man als Unternehmer ein Stück weit verrückt sein muss. Manchmal ist es besser, wenn man vorher nicht weiß, was auf einen zukommt. Viele Dinge wären sonst wahrscheinlich nie angepackt worden. Das Unternehmertum ist zwangsläufig mit Risiko verbunden. Heutzutage haben wir eine reife Volkswirtschaft, in der im Grunde nur noch inkrementelles Wachstum stattfindet. Das ist für mich kein richtiges Unternehmertum mehr. Mit meiner Firma arbeite ich dagegen in einem Feld, in dem Geschäfte von null aufgebaut werden.

Wenn man in zehn Firmen investiert, rechnet man damit, dass zwei scheitern, zwei durch die Decke gehen und der Rest irgendwo dazwischen liegt. Benedict Rodenstock

MM | Herr Glowacz, können Sie sich ein Investment in Start-ups vorstellen? Oder wie gehen Sie mit Erspartem um: eher TecDax oder unters Kopfkissen?

Glowacz | Also, das ist so wenig, dass ich mir da keine Gedanken machen muss (lacht). Ich würde jedenfalls nichts machen, wo ich mich nicht auskenne, wozu ich keine Affinität habe. Es macht auch einen Riesenunterschied, ob ich als Unternehmer mein eigenes Geld riskiere oder ob ich als Manager fremdes Geld einsetze. Aber ich muss ehrlich sagen, ich kann es mir nicht leisten, Geld zu verlieren. Wenn ich irgendwo investiere, muss ich zu 70 Prozent wissen, dass es funktioniert. Und das sind dann eher Immobilien, die ich weiterentwickle.

MM | Aber Immobilien sind riskanter als ein klassischer Sparstrumpf.

Glowacz | Ja, aber ich kaufe dann auch nur in einer Gegend, in der ich mich auskenne. Ich habe zum Beispiel ein Gästehaus in Garmisch, in Grainau, das ich weiter ausbaue und mit einem zweiten Haus vergrößere. Das ist ein Investment, bei dem es ganz einzig und allein in meiner Hand liegt, ob es erfolgreich wird oder nicht. Und ich habe immer noch die Option, es zu verkaufen.

Aus einem Start-up komme ich im Zweifelsfall nicht so leicht raus. Das ist schwieriger, als eine Ehe zu scheiden. Benedict Rodenstock

MM | Können Sie das nachvollziehen, Herr Rodenstock? Wie hoch muss die Sicherheit für Sie ausfallen?

Rodenstock | Ja, ich kann das nachvollziehen. Ich bin jetzt schon seit 13 Jahren Investor und habe bereits einige Erfolgsgeschichten erlebt, die wir mit einem Gewinn abgeschlossen haben. Aber natürlich gab es durchaus einige Male, wo es dann nichts geworden ist und das Geld auch komplett weg war. Und das gehört im Geschäft eben dazu. Wenn man in zehn Firmen investiert, rechnet man damit, dass zwei scheitern, zwei durch die Decke gehen und der Rest irgendwo dazwischen liegt. Und die zwei, die wirklich gut laufen, müssen dann den ganzen Rest rausreißen. Es macht also keinen Sinn, in nur ein oder zwei Start-ups zu investieren und dann zu hoffen, dass daraus etwas wird. Hier ist das Risiko noch zu groß.

MM | Sie streuen Ihr Risiko ähnlich wie bei einem gut diversifizierten Aktienportfolio?

Rodenstock | Genau. Wobei der Totalverlust bei einem Aktieninvest selten gegeben ist. Wenn ich hier 20 Prozent verliere, kann ich immer noch verkaufen. Aus einem Start-up komme ich im Zweifelsfall nicht so leicht raus. Das ist schwieriger, als eine Ehe zu scheiden (lacht).

Benedict Rodenstock und Stefan Glowacz, © Robert Brembeck

Es kommt auf die Balance an: Bei aller Risikofreude schätzen sowohl Benedict Rodenstock als auch Stefan Glowacz ein gewisses Maß an Sicherheit.

Foto: Robert Brembeck

MM | Sie sind als Spross des Rodenstock-Unternehmens vermutlich in finanzieller Sorglosigkeit aufgewachsen. Haben Sie irgendwann das Bedürfnis gehabt, ins Risiko zu gehen?

Rodenstock | Ich wollte schon immer etwas Eigenes machen, vielleicht auch wegen meines familiären Hintergrunds. Ich war vorher auch nie glaubwürdig als Angestellter. Heute habe ich die volle Verantwortung: Ich muss den ganzen Laden schmeißen, meine Angestellten bezahlen und meine Familie versorgen.

Glowacz | Ist es schwieriger, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, wenn man aus so einer Dynastie kommt?

Rodenstock | Die Erwartungen sind höher, ja. Jeder erwartet im Grunde, dass man selbst auch ein großer Unternehmer wird. Und das ist heutzutage schon schwieriger, allein wegen des großen Wettbewerbs. So einfach wie nach dem Krieg ist es jedenfalls nicht mehr, schnell etwas hochzuziehen.

MM | Wie gehen Sie konkret bei Ihren Investments vor?

Rodenstock | Wir bekommen ungefähr 1.000 Anfragen pro Jahr. Bei allen müssen wir uns das Geschäftsmodell genau ansehen, vielleicht auch die Verträge und die Gesellschafterstruktur. Das ist ein ganzes Paket, bei dem möglichst viele Faktoren stimmen sollten. Das Wichtigste sind die Leute. Dass sie im Team gemeinsam das umsetzen können, was sie sich vorgenommen haben. Und dass wir gut mit ihnen auskommen. Dazu gehört auch, dass sie sich etwas sagen lassen. Wir investieren normalerweise auch nicht nur in eine Idee oder einen Businessplan. Da muss es zumindest schon mal einen Prototyp geben, ein Proof of Concept und erste Umsätze.

Leidenschaft als Erfolgsrezept

MM | Ist Risiko dann eher Kopf- oder Bauchsache?

Rodenstock | Teils, teils. Ich glaube, mit der Erfahrung kommt mehr aus dem Bauch, aber ich denke, man muss das geistig auch durchdringen.

Glowacz | Es kommt immer darauf an, wie man in die Sache reinwächst. Ich bin zum Bergsteigen gekommen, da konnte ich kaum richtig laufen, meine Eltern haben mich einfach mitgenommen. Ich habe so viel gelernt in dieser Zeit. Und Instinkte entwickelt, die man nicht mehr erreichen kann, wenn man erst mit 20, 25 Jahren anfängt. Ich schaue zum Beispiel in den Himmel und weiß ganz genau, dass ich besser eine kürzere Runde mache, weil es am Nachmittag definitiv ein Gewitter geben wird. Das spürt man. Genauso ist es im unternehmerischen Bereich. Wenn jemand schon in seiner Schulzeit Schülerzeitungen gegründet oder einen Pausenhofservice aufgebaut hat, hat er natürlich ein ganz anderes unternehmerisches Verständnis als jemand, der sich nach dem Studium irgendwann einbildet, ein Business aufbauen zu müssen.

MM | Was Sie beide gemeinsam haben, ist die Unabhängigkeit – bei dem einen im Unternehmertum, beim anderen im Sport.

Glowacz | Ja klar. Das hat natürlich was, wenn man für jede einzelne Entscheidung verantwortlich ist. Davor steht aber die Leidenschaft. Dass man für seine Idee brennt, dass man absolut überzeugt von ihr ist. Ich glaube, man kann heute nur bestehen, wenn man einhundertprozentige Leidenschaft an den Tag legt. Als Sportler oder auch als Unternehmer hat man keinen 9-to-5-Job mehr. Als wir Red Chili gründen wollten, hat mich das von morgens bis abends beschäftigt. Ich bin nachts aufgestanden und habe meine Ideen in ein kleines Büchlein geschrieben. Oder ich habe direkt meinen Kumpel, meinen Geschäftspartner, angerufen und ihm davon erzählt.

Meine Familie weiß, dass ich eher umkehren würde, als ein unkontrollierbares Risiko einzugehen. Stefan Glowacz

MM | Wie stehen Sie zu Ihrer Verantwortung gegenüber Ihrer Familie?

Glowacz | Ich wäge jedes Risiko sehr genau ab und meine Familie weiß das. Ich bin nun mal sehr ängstlich. Es gibt etwa im Himalaja viele Berge, die ich nur von unten bewundere. Viele Wände, die noch nicht bestiegen sind – und das aus gutem Grund. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie das ausgehen kann: Entweder man kommt durch und ist der große Held oder man schafft es nicht und ist der größte Idiot, weil doch jeder von vornherein wusste, dass das zu schwer war. Meine Familie weiß, dass ich heute sehr vorsichtig bin. Und dass ich eher umkehren würde, als ein unkontrollierbares Risiko einzugehen.

MM | Wie bringen Sie Ihrem Kind den Umgang mit Risiko bei, Herr Rodenstock?

Rodenstock | Also, mein Sohn ist jetzt fünf Jahre alt (lacht). Daher haben wir dafür schon noch Zeit. Das ist momentan noch kein Thema. Aber irgendwann werden wir ihn schon noch heranführen, wenn es so weit ist.

MM | Was würden Sie denn davon halten, wenn Ihre Kinder einen ähnlichen Weg gehen wollen wie Sie, Herr Glowacz?

Glowacz | Das habe ich probiert. Mein Leben dreht sich nun mal fast 24 Stunden am Tag um die Kletterei und das Bergsteigen. Und dass die eigenen Kinder eine ähnliche Faszination dafür empfinden, ist relativ unwahrscheinlich. Also habe ich es ganz behutsam probiert, sie ans Klettern heranzuführen. Aber das hat sie so überhaupt nicht interessiert. Meine Jungs sind begeisterte Freestyle-Skifahrer – eine halsbrecherische Sportart. Ich war einmal bei einem Wettbewerb, als mein Sohn schwer stürzte. Das ist für einen Vater unerträglich. Seitdem bleibe ich lieber zu Hause und hoffe, dass kein Anruf aus dem Krankenhaus kommt.

Von Katarina Baric & Stefan Tillmann. Der Artikel erschien erstmalig im Messe München Magazin 01/2019.