„Wir brauchen echte Typen!“

Der eine hat über eine Million Follower und kennt sie kaum. Die andere führt seit über zwei Jahrzehnten in einer Männerdomäne. Karin Danner, Managerin der Fußballfrauen des FC Bayern München und 'Frauen verbinden'-Mitglied, und der Influencer Sohi Malih über die Kunst der richtigen Führung.

Karin Danner und Sohi Malih im Gespräch über die Kunst des Führens.

MM | Herr Malih, Sie haben über eine Million Follower auf Ihrem Instagram-Account. Wie bringt man Menschen dazu, einem zu folgen?

Malih | Ich würde erst einmal sagen: Sei du selbst. Menschen merken sofort, wenn man ihnen etwas vorspielt. Außerdem zählen für mich Kreativität und Qualität.

MM | Frau Danner, wem folgen Sie?

Danner | Meinem Bauch. Ich bin ein Gefühlsmensch. Darüber hinaus schließe ich mich gerne richtig guten Typen an. Menschen, die eine Leidenschaft für etwas haben und die für ihre Geschichte und ihre Überzeugung einstehen. Natürlich unter der Voraussetzung, dass sie mich erreichen und mich begeistern – dann marschiere ich mit.

MM | Fühlen Sie sich Ihren Followern gegenüber verantwortlich?

Malih | Auf jeden Fall. Ich würde ihnen nicht irgendetwas erzählen, wenn ich selbst nicht dahinterstehe. Vor allem, wenn ich bedenke, dass mir auch junge Menschen folgen und sich meine Posts anschauen. Da muss ich tatsächlich aufpassen, was ich so von mir gebe. Dadurch ergibt sich schon eine Verantwortung.

Karin Danner, © Robert Brembeck
© Robert Brembeck

Karin Danner, Jahrgang 1959, wuchs in Rheinland-Pfalz auf und kam als 18-Jährige als Fußballspielerin zum FC Bayern München. Seit 1995 ist sie Managerin der Frauenfußballabteilung des Vereins. Karin Danner ist außerdem Mitglied im Netzwerk 'Frauen verbinden'.

MM | Braucht es heute überhaupt noch Leader?

Danner | Manchmal denke ich mir, mehr denn je. Jedes Team braucht ein, zwei Leader, die wirklich vorneweg gehen. Allein im Teamsport Fußball: Wir hatten früher sehr gute Leader. Doch mittlerweile werden die Häuptlinge immer weniger, und es bleiben im Prinzip nur noch Indianer. Jeder versteckt sich und will keine Verantwortung übernehmen. Das beobachte ich besonders bei der Jugend, die aufrückt. Vielleicht liegt das einfach daran, dass sie sich in einer Wohlfühloase befinden. Ihnen geht’s schon so gut.

Malih | Viele trauen sich auch nicht.

Danner | Eben. Aber genau darauf kommt es an. Uns gehen die Typen verloren, die mutig vorangehen.

MM | Wenn Sie die Wahl hätten: elf Leader im Team oder gar keiner?

Danner | Mir sind elf Leader lieber. Da darf es auch mal richtig fetzen und krachen. Es braucht die Reibung und Spannung, eine Umgebung, in der auch mal die Ellbogen ausgefahren werden. So war das auch bei uns: Bevor meine Gegnerin spielt, grätsche ich sie ab, der Ball gehört mir.

Sohi Malih, © Robert Brembeck
© Robert Brembeck

Sohi Malih, Jahrgang 1988, ist Afghane und wuchs als Sohn eines Diplomaten in verschiedenen Ländern auf. Auf seinem Instagramkanal @sohi.malih postet er aufwändig inszenierte Fotos von sich und macht dabei teils Kooperationen mit Firmen.

MM | Was zeichnet einen guten Leader aus?

Danner | Die absolute Leidenschaft für das, was man tut. Ein Leader muss Emotionen zeigen, neben den Stärken auch die Schwächen. Und wenn es nicht läuft, beweist ein Anführer Charakterstärke. Er krempelt die Ärmel hoch, geht vorneweg und zieht das Team mit. Leader sind absolute Siegertypen. Sie sind diejenigen, die den Titel holen.

Malih | Leader denken ja auch, entwickeln eine Idee weiter. Wenn es keinen Leader gibt, kann es passieren, dass keiner mitdenkt und alle abwarten, dass etwas passiert.

MM | Wie setzen Sie sich gegen die Konkurrenz durch?

Malih | Man sollte bei dem bleiben, was man gut kann, und sich nicht zu sehr an der Konkurrenz orientieren. Für gewisse Dinge hat man auch ein gutes Gespür. Das wird im Sport auch so sein: Der eine Spieler ist besser als der andere, weil er den nächsten Zug vorausahnt. Das muss man nutzen. So weiß ich mittlerweile auch, wann ich meinen Followern wieder etwas Neues liefern sollte.

In einem Team sind mir sind elf Leader lieber als keiner. Da darf es auch mal richtig fetzen und krachen. Karin Danner

MM | Frau Danner, Sie sind im Fußballgeschäft zur Leaderin geworden. Das war sicher nicht einfach.

Danner | Ich bin ja schon seit Jahrzehnten mit dem FC Bayern verbandelt, da haben Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge noch selbst gespielt. Für mich war das der Wahnsinn, dass der FC Bayern mich 1977 als Spielerin wollte. Da war ich 18, ein Traum ging in Erfüllung. Nach meiner aktiven Laufbahn habe ich dann 1995 die Frauenfußballabteilung zunächst ehrenamtlich geführt, weil mein Herz für den Sport schlägt. Fünf Jahre später ist die Mannschaft in die Bundesliga aufgestiegen. Da habe ich gesagt: Ich mache nur weiter, wenn ich dafür bezahlt werde.

MM | Haben Sie damals gespürt: Nun bin ich ein Leader?

Danner | Ich war schon immer eine Kämpferin – ich habe sieben Geschwister, da musste ich mich durchsetzen. So wurde ich auch Straßenfußballerin. Als ich mit 18 Jahren nach München kam, war ich eine Dorfpomeranze aus Rheinland-Pfalz. Auch das hat etwas mit mir gemacht: als Jugendliche ein 1.500-Seelen-Dorf zu verlassen, um in der Großstadt den Frauenfußball aufzubauen. Du musst ein starker Charakter sein und vorangehen. Mittlerweile kann ich sagen, dass sich das Kämpfen echt gelohnt hat.

Karin Danner und Sohi Malih, © Robert Brembeck
© Robert Brembeck

Karin Danner und Sohi Malih haben gelernt, wie wichtig es ist, Kompetenzen abzugeben, um sich selbst auf Wichtigeres zu konzentrieren.

MM | Hat Führen immer etwas mit Kämpfen zu tun?

Malih | Auf jeden Fall. Kämpfen gehört dazu. Bei mir hat das sicher auch mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich bin ja nicht in Deutschland geboren, ich bin Afghane, mein Vater war Diplomat. Wir waren in Indien, Pakistan, Russland und vielen anderen Ländern. Das war nicht immer leicht, da musste ich mich durchkämpfen. Aber du nimmst etwas mit, mehr als jemand, der nie solche Probleme hatte.

Danner | Heute fehlt der Ansporn. Wenn ich Spielerinnen sehe, die auf der Bank sitzen, frage ich: Damit gibst du dich zufrieden?! Da wäre ich früher verrückt geworden! Die junge Generation ist bequem geworden und hat Angst, etwas falsch zu machen.

MM | Können Sie sich auch unterordnen?

Malih | Natürlich, ich weiß ja auch nicht immer alles besser. Manchmal muss man sich auch unterordnen können.

Danner | So habe ich das auch gelernt (lacht). Wenn ich so auf meine 40 Jahre beim FC Bayern München zurückblicke, musste ich mich schon oft unterordnen. Denn der Frauenfußball war in den 70er Jahren eine Männerdomäne – das war brutal. Damals ist es mir schwerer gefallen, mich unterzuordnen, als heute, weil ich schon immer wie eine Löwin für den Frauenfußball kämpfen musste. Mittlerweile ist er jedoch etabliert, wir müssen nicht mehr für uns werben. Die Sportlerinnen bekommen endlich eine Wertschätzung. Ironischerweise kann ich mich heute, wo es eigentlich gut läuft, ganz gut unterordnen. Muss ich aber nicht, denn jetzt haben wir ein Standing.

Negatives auch mal ignorieren

MM | Führen Frauen eigentlich anders?

Danner | Ich persönlich glaube: ja. In dieser Frage bin ich zwar nicht objektiv, aber ich denke, dass Frauen sehr diplomatisch sein können. Und dass sie in manchen Situationen nicht nur anders, sondern besser führen.

MM | Was machen Sie anders als Ihr jahrelanges Pendant Uli Hoeneß?

Danner | Eigentlich gar nicht so viel. Ich bin schon ein absoluter Herzmensch. Und in meinen Augen ist Uli das auch. Außerdem ist er impulsiv – das kann ich ebenfalls sein. Uli lebt für seine Leidenschaft, und das sind der Fußball und Bayern München. Und bei mir ist es genauso. Insofern brauche ich nichts anders zu machen als er. Im Gegenteil, er war mir immer ein gutes Vorbild.

Malih | Was könnten Sie mir eigentlich über Leadership beibringen?

Danner | In so einer Männerdomäne muss man schon mit stolzer Brust vorangehen. Mein Team und ich haben über Jahrzehnte viel bewegt, inzwischen sind wir 130 Spielerinnen in meiner Abteilung. Da können Sie vielleicht wirklich noch etwas lernen.

Wenn es keinen Leader gibt, kann es passieren, dass keiner mitdenkt und alle abwarten, dass etwas passiert. Sohi Malih

MM | Und wie sind Sie mit Gegenwind umgegangen?

Danner | Ich wollte schon so oft hinschmeißen. Aber ich habe immer weiter­gekämpft und jeden überlebt, der mich ausbremsen wollte. Wenn ich damals das Handtuch geschmissen hätte, wäre Bayern im Frauenfußball nicht so weit wie heute. Sie können noch weiter kommen ohne mich. Das wünsche ich ihnen, das gönne ich ihnen auch. Aber wir wären definitiv nicht so weit.

MM | Herr Malih, wann fassten Sie den Entschluss: Ich werde Influencer!?

Malih | Das kam schleichend. Ich habe Computerlinguistik studiert und schon während des Studiums angefangen, Bilder zu posten. Anfangs haben wir jeden Tag ein Bild gemacht – mein Bruder ist Fotograf, der macht alle Bilder. Das klingt simpel, aber das muss man erst einmal machen, jeden Tag ein hochwertiges Foto – und dann entsprechend auch die Kommunikation zu pflegen. Das Aufwendigste ist die Suche nach den Locations für die Fotos. Wir fahren manchmal drei Stunden herum, um das passende Motiv zu finden.

Ich folge am ehesten meinem Bauch. Karin Danner

MM | Und wie ging es dann weiter?

Malih | Ich bekam immer mehr Feedback und wurde etwa nach Tipps für den perfekten Herbstlook gefragt. Nach zwei Jahren war Social Media ein Vollzeitjob, mit dem ich mein Geld verdient habe. Inzwischen baue ich eine eigene Agentur auf. Für Kampagnen großer Marken produzieren meine zwei Mit­arbeiter und ich Bilder und Videos. Denn immer nur als Influencer herumzureisen, wird auf Dauer etwas langweilig.

MM | Was antworten Sie Hatern?

Malih | Ich antworte Hatern nicht. Das ist für mich Zeitverschwendung.

Danner | Das sehe ich auch so. Es gibt diese Energiefresser, die man einfach nur meiden sollte.

Malih | Ja, genau. Man fühlt sich ja dadurch auch schlechter. Ich sage immer: Wer sich mit Negativem umgibt, zieht auch Negatives an. Deshalb ignoriere ich solche Kommentare.

Karin Danner und Sohi Malih, © Robert Brembeck
© Robert Brembeck

Fußballmanagerin Karin Danner und Sohi Malih sind sich einig: Führen hat auch immer mit kämpfen zu tun.

MM | Frau Danner, gehen Sie auch manchmal bewusst auf Distanz?

Danner | Das kommt drauf an. Privat lasse ich mit wenigen lieben Menschen sehr viel Nähe zu. Aber in meiner beruflichen Fußballwelt muss ich auch mal Abstand wahren. Ich kann auch nicht allen gerecht werden.

MM | Wie viel müssen Sie preisgeben, um authentisch zu sein?

Malih | Ich muss sehr viel preisgeben. Die Follower sind Menschen wie du und ich. Die merken sofort, wenn man ihnen irgendeinen Quark erzählt. Und dann war’s das. Deshalb würde ich auch nicht für etwas werben, das nicht zu mir passt. Ich werbe zum Beispiel nicht für Alkohol, weil ich kaum trinke. Ich mag ihn nicht, er schmeckt mir einfach nicht. Authentisch zu sein bedeutet auch, ehrlich meine Meinung zu sagen. Auch wenn ich ein Produkt mal nicht gut finde.

Weiter wachsen und weitergeben

MM | Wo ziehen Sie noch die Grenzen? Ihre kleine Tochter hat schließlich einen eigenen Instagram-Account.

Malih | Meine Frau und ich würden keinesfalls alles von ihr zeigen. Es gibt natürlich Dinge und Situationen, die wir nie teilen würden. Nichts Persönliches und auch generell nichts von zu Hause. Wir zeigen nur das Süße, das Lustige. Wenn sie niedliche Kleidung trägt, mit einem kleinen Hund unterwegs ist oder ihre ersten Schritte macht. Meine Tochter hat 60.000 Follower und ist bei einer Modelagentur, das geht total durch die Decke. Natürlich fragen wir uns immer, ob das noch okay ist. Wir können aber jederzeit die Reißleine ziehen. In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren Account, ich denke aber, das kommt.

Danner | Social Media ist für uns ja auch extrem wichtig geworden. Unsere Frauenfußball-Abteilung hat drei Millionen Follower bei Facebook. Aber ich persönlich muss sagen, dass mir das zu viel ist. Ich bin froh, wenn ich meine Ruhe habe.

MM | Könnten Sie auch auf Likes verzichten, Herr Malih?

Malih | Ich brauche gar keine Likes.

Danner | Wirklich nicht?

Malih | Nein. Also ich weiß nicht, weshalb alle von Likes so besessen sind. Wer nur auf Likes oder Zahlen schaut, achtet nicht mehr auf die Qualität, ist nicht mehr kreativ. Dadurch vernachlässigt man letztlich seine Arbeit. Und das möchte ich nicht.

Ich muss sehr viel preisgeben, um authentisch zu sein. Macht man Followern etwas vor, merken sie das sofort. Sohi Malih

MM | Wofür würden Sie einen Shitstorm riskieren?

Malih | Das ist eine gute Frage. Aber ich glaube, ich würde es gar nicht erst so weit kommen lassen. Ich lese aber auch nicht alle Nachrichten, die ich bekomme. Die Zeit hat auch keiner. Ich nehme das alles auch nicht so ernst, die Leute suchen immer irgendwo einen Fehler. Und im Internet ist heute jeder ein Journalist. Alle können über andere schreiben und sie kritisieren – in der Hoffnung, dass die Welt das liest.

MM | Führen heißt ja Delegieren. Geben Sie gerne ab?

Danner | Ja, mittlerweile. Früher war das eine absolute Schwäche von mir. Ich war jahrzehntelang eine Einzelkämpferin, das birgt aber die Gefahr, irgendwann zur Eigenbrötlerin zu werden. Und bevor ich es anderen erkläre, mache ich es lieber selbst. Das Ergebnis spricht für sich. Ich meine, 40 Jahre Frauenfußball beim FC Bayern, das muss man sich erst einmal erkämpfen. Doch inzwischen habe ich so viel erreicht und habe ein tolles Team. Ich gebe jetzt liebend gern ab. Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren super entwickelt.

Malih | Echt, so lange dauerte das? Ich merkte schon nach vier Jahren, dass ich gern abgebe. Es ist immer schwierig, etwas abzugeben, wenn man selbstständig ist. Man denkt immer, man könne es besser als alle anderen. Das Problem ist, dass eine Firma nur wachsen kann, wenn man teilt. Ich bin keine One-Man-Show.

MM | Was sind Ihre Ziele?

Malih | Wir wollen natürlich, dass die Agentur, die wir gerade aufbauen, größer wird, sodass wir Aufgaben abgeben können.

Danner | Für mich ist es an der Zeit, dass ich mein Lebenswerk in gute Hände gebe. Gerade jetzt, da der Frauenfußball international so viel Bedeutung gewinnt. Immer mehr Traditionsvereine stellen weibliche Teams zusammen, die schießen wie Pilze aus dem Boden: Chelsea, FC Barcelona, Real Madrid, Manchester United – sie alle stecken gerade viel Geld in den Frauenfußball. Was diese neuen Teams im Gegensatz zum FC Bayern nicht haben, ist eine Geschichte. Wir drehen uns nicht mehr um uns selbst. Wie die Männer fliegen wir ins Trainingslager nach Doha, auch um dort mehr für Frauen zu tun.

MM | Und wie genau stellen Sie sich Ihren Ruhestand vor?

Danner | Ich wünsche mir, mal auf der Tribüne der komplett ausverkauften Allianz Arena zu sitzen und unsere Spielerinnen anzufeuern.

Von Katarina Baric und Stefan Tillmann. Der Artikel erschien erstmalig im Messe München Magazin 02/2019.